Meine persönlichen Trainingsgrundsätze – Teil 3

Mein nächster Beitrag wendet sich vor allem an Trainer – und zwar egal wie gut sie ausgebildet sind:

„Es gibt keinen Masterplan für das Training!“

Nur weil mein Athlet einmal eine Meisterschaft gewonnen hat, heißt das lange noch nicht, dass ich als Trainer den Stein der Weisen gefunden habe. Ganz überspitzt gesagt, habe ich einfach nur Glück gehabt! Aber auch wenn ich reihenweise Top-Athleten an den Start bringe, heißt das nur, dass ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf meiner Seite habe, da ich bewährte Prinzipien verwende.

Nehmen wir als Beispiel das Schnelligkeitstraining: Der Mensch ist ein komplexer Organismus, Schnelligkeitstraining ist ein komplexer Prozess und Coaching verlangt komplexe Kommunikation. Packe ich alles zusammen, entsteht ein hochkomplexes, fast chaotisches System: Auch noch so kleine Einflüsse können eine große Bedeutung bekommen, die ich unmöglich bereits bei der Planung berücksichtigen kann. Je eher ich mich als Trainer damit abfinde, desto eher beginne ich, in kürzeren Zyklen Korrekturen in meinem Trainingsplan vorzunehmen und auf Abweichungen zu reagieren.

Bei der Trainingsplanung und -steuerung sollte dieses Prinzip eigentlich auch selbstverständlich sein. Die Trainingslehre gibt uns zwar genügend theoretische Hilfen und Grundlagen zur Hand, aber wie und ob ein Training erfolgreich war, kann immer nur bedingt beantwortet werden und ist nur in der Retrospektive überprüfbar. Ob ein anderer Trainer besser und erfolgreicher gecoacht hätte, bleibt immer ein Konjunktiv. Bei dieser Diskussion ist oft viel zu viel Ego im Spiel 😉 Als Trainer überschätzen wir gern unsere Rolle.

Gute Trainer sind zum ewigen Lernen verdammt. Die Trainingswissenschaften bringen kontinuierlich neue Erkenntnisse, die zum Teil frühere Annahmen, Erkenntnisse oder Studien widerlegen. Bestes Beispiel ist das Stretching: In den 80ern in der Leichtathletik noch Kult (Bob Anderson), ist es heute vor einer Sprinteinheit fast schon verpönt, weil man weiß, dass in einer statisch gedehnten Muskulatur die Spannung zu niedrig ist, um anschließend noch schnellkräftige Leistungen bringen zu können – im Gegenteil: die Gefahr einer Zerrung steigt sogar.

Also bleibt mir als Trainer nichts anderes übrig, mich ständig auf den neuesten Stand zu bringen, Dinge selbst auszuprobieren und auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Leider bleibt das in unserer traditionsbewussten Sportart oft auf der Strecke. Nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern auch aus Angst, etwas falsch zu machen. Völlig unbegründet! Nur wenn ich Fehler mache, kann ich feststellen, wo mein Programm verbesserungswürdig ist.

Auch hier nehme ich gern wieder die Fitness-Branche auf´s Korn: Mit all den Apps wollen Unternehmen hier am Fitness-Wahn verdienen und gaukeln über Online-Coaches eine individuelle Betreuung vor. Ich habe selbst drei davon ausprobiert. Der Online-Coach ist ein verblödetes Arschloch, weil er nicht erkennt, wenn ich statt einem Killer-Workout einfach mal einen Tag Ruhe benötige. Ein Trainingsplan kann noch so ausgeklügelt sein: Wenn ich nicht weiß, was dahinter steckt und wenn ich den Athleten/die Athletin nicht kenne, nützt der Plan nur wenig.

Überhaupt nicht hilfreich ist auch die Fülle der Informationen, die mir heute als Coach im Netz zur Verfügung stehen. Unreflektiert konsumiert und angewendet führen all die gut gemeinten Ratschläge, vordefinierten Trainingspläne und „heißen Tipps“ zum totalen Trainingschaos. Ich „klaue“ natürlich auch Trainingsideen – man muss das Rad schließlich nicht zweimal erfinden. Aber ich muss meine eigenen Erfahrungen mit neu eingeführten Übungen oder Workouts machen, um ihre Wirksamkeit beurteilen zu können. Außerdem wirkt das Training bei jedem Athleten anders.

Schließlich gibt es noch den Athleten selbst, der meine Anweisungen verstehen und umsetzen muss und mir Feedback geben soll, wie er sich fühlt. Stuart McMillan (US Sprint Coach) beschreibt das ziemlich treffend:

“The athlete can feel, but cannot see.  The coach can see, but cannot feel”

Hier hilft nur gute Kommunikation und einfache Anweisungen, damit möglichst wenige Missverständnisse entstehen. Für mich die wichtigste Komponente im Coaching-Prozess.

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